Ein Hauch der Geschichte weht durch den Luegislandturm. Seit 750 Jahren steht er praktisch unverändert auf der Musegg: ein unverfälschtes Zeugnis mittelalterlicher Baukunst. Deshalb ist er nicht allgemein zugänglich.
Jürg Manser dreht den Schlüssel, öffnet die Türe zum Luegisland. Eine Steinmauer, nicht verputzt, durchsetzt mit Gerüsthölzern, die aus der Mauer ragen. Abgetretene Tritte einer Blocktreppe, zusammengehalten von riesigen Holznägeln. Auf den ersten Blick kein glamouröses Sujet für die Tourismuswerbung. Trotzdem zieht mich dieser Turm, den ich erstmals von innen sehe, in seinen Bann. Es weht ein Hauch der Geschichte durch dieses alte Gemäuer. «Im Innern sieht er genau so aus, wie ihn die Handwerker im 14. Jahrhundert zurückgelassen haben», erläutert Jürg Manser, der frühere Kantonsarchäologe, diesen «einzigartigen Zeitzeugen» des Mittelalters.
Wir steigen vorsichtig die Treppen der vier Turmgeschosse hoch. Die Geländer sind notdürftig, die Böden zum Teil morsch. Der Luegisland ist mit seinen knapp 53 Metern nicht nur der höchste, sondern auch der älteste Turm der Museggbefestigung. Er wurde kurz nach 1367 gebaut, wie die dendrochronologische Datierung der Deckenbalken und der Gerüsthölzer belegt. Das sei eine Zeitkapsel, wie es sie sonst kaum noch gebe, sagt Manser: «ein unglaubliches Juwel». Als einziger der neun Museggtürme ist der Luegisland noch heute ein Schalenturm, ist also nur auf drei Seiten gemauert und gegen die Stadt hin offen.
Eine geheizte Stube für die Brandwächter
Das war günstiger im Bau, hatte aber auch taktische Gründe. Ein Feind, der in den Turm eindrang, konnte sich nicht hinter der Mauer verschanzen und wäre von der Stadt her beschossen worden. Allerdings war der Luegisland eher ein Beobachtungsturm und weniger eine Baute zur Befestigung der Stadt Luzern. So gibt es keine Schiessscharten.
Wir steigen weiter die Holztreppe hoch. Staub, etwas Geröll und Vogeldreck. Es ist, als ob die Zeit hier angehalten worden wäre. Einzig in der Nordwestecke, unter dem Obergaden, zeigt die unterschiedliche Farbtönung der Wand, dass hier ein weggebrochenes Stück neu aufgemauert wurde. Das war 1470. Zwanzig Jahre zuvor hatte der Luegisland eine neue Dachform mit Erkertürmchen erhalten.
Der Luegisland war der erste Turm, den die Stadt Luzern baute, von einer Mauer war vorerst wenig zu sehen. Erst fünfzig Jahre später standen die anderen Türme und die Mauer auf dem Musegghügel. «Das zeigt, dass die Verteidigung der Stadt nicht alleiniges Ziel war», glaubt Jürg Manser. Wir erreichen den Obergaden, den hölzernen Aufsatz des Steinturms.
Die Sicht auf Stadt und Umland ist phänomenal. Ein hölzerner Fensterladen steht offen. Hier waren die Brandwächter untergebracht, der Luegislandturm diente bis 1768 als Hochwacht (danach wurde die Brandwache in den Wachtturm verlegt). Die Wächter, die mit Glocken, Hörnern und später auch mit Schusswaffen die Stadtbevölkerung bei Feuerausbruch alarmierten, mussten nicht frieren. «In der Wachstube stand ein Holzofen mit Kaminabzug», weiss Jürg Manser.
So spannend das tönt: Für die Öffentlichkeit ist der Luegisland als einziger der neun Museggtürme nicht zugänglich. Wenn er für die über 100‘000 Personen, die jährlich die Museggmauer besuchen, geöffnet würde, müssten aus Sicherheitsgründen die alten Balken und Treppen ersetzt und neue Geländer installiert werden. So würde «der Zeugniswert dieses einmaligen Turms zerstört». Neu vermittelt eine Videoinstallation vor dem Turm einen faszinierenden Einblick in das Innere des Luegisland (siehe Box).
Wir steigen vorsichtig die Treppen hinunter. Im Erdgeschoss will mir Manser zum Abschluss eine industrielle Rarität zeigen. Unter ein paar Bodenbrettern verbirgt sich eine stillgelegte
Hochdruckleitung der städtischen Wasserversorgung. Das Trinkwasser wurde vom Reservoir auf dem Sonnenberg in die Stadt geleitet und dann mit Druck auf den Bramberg hoch gepresst.
Bereits 1874 hatte die Stadt im Luegislandturm eine Brunnenstube mit Reservoir eingebaut, um das neue Wohnquartier mit Wasser zu versorgen. 1924 liess der Stadtrat eine moderne Druckreduzieranlage einrichten, die sich unter dem Boden verbirgt. Diese Anlage blieb erhalten.
Wir verlassen den Luegisland, schliessen die Türe und gönnen ihm weitere Jahrhunderte in Ruhe und Abgeschiedenheit.

Jürg Manser bei der Filmstation
Virtuell im Luegislandturm
Der Luegisland ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich, vor dem Turm steht jedoch eine Station mit einer Videoinstallation. Per Knopfdruck ermöglicht sie einen Einblick ins Innere des ältesten Bauwerks der Museggmauer und erzählt die Geschichte dieses aussergewöhnlichen Turms. Die Installation ist Teil des Kulturabenteuers Museggmauer und ist ganzjährig zugänglich. Zudem können an der Station vier Kurzfilme zur Museggmauer abgerufen werden, realisiert von Timo Schlüssel. Stefan Herfort vom Naturschutz der Stadt Luzern schildert die Vogelwelt an der Museggmauer, der stellvertretende Kantonsarchäologe Fabian Küng erklärt die historische Bedeutung und die Wehrtauglichkeit der Museggmauer sowie den mittelalterlichen Gerüstbau.
Dieses Interview erschien in der Museggmauer Zytig. Sie erscheint jährlich und wird in gedruckter Form den Mitgliedern verteilt. Sie kann auch online nachgelesen werden: